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Interview mit Giulia Steingruber

Auf dem Sprung in ein neues Leben.

Giulia Steingruber ist die erfolgreichste Schweizer Kunstturnerin. Nach 37 Schweizermeistertiteln, je einer Bronzemedaille an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sowie zehn Medaillen an Europameisterschaften gab sie diesen Herbst ihren Rücktritt vom Spitzensport bekannt. Wie Glitzerkleidchen ihren Karriereweg beeinflussten und was sie nach ihrem Rücktritt vorhat, erzählt sie uns hier.

- Giulia, du hast in deiner Karriere Unglaubliches erreicht. Wie und in welchem Alter bist du zum Kunstturnen gekommen und was hat dich als junges Mädchen daran gereizt?

 

Zum Kunstturnen bin ich mit knapp sieben Jahren gekommen. Ich war vorher im Geräteturnen und fühlte mich dort ein bisschen unterfordert. Meine Freundin von nebenan war schon im Kunstturnen und übte im Garten immer ihre Kunststücke, die ich auch unbedingt meistern wollte. Ich ging mit ihr ins Training und trainierte gleich die vollen drei Stunden. Es machte mir sehr viel Spass, aber mit sieben Jahren ist man schon fast zu alt, um mit Kunstturnen zu beginnen. Meine Mutter musste beim Verein fast schon betteln, damit ich aufgenommen werde. Aber mehr weil sie wollte, dass ich am Abend mal müde bin (lacht). Was mich als Kind am Kunstturnen faszinierte, waren vor allem die Glitzerkleidchen der Turnerinnen (lacht noch mehr).

 

- Worauf kommt es beim Kunstturnen besonders an, um eine aussergewöhnliche Leistung zu erzielen?

 

Es bedeutet sehr viel Arbeit. Man braucht grosses Durchhaltevermögen, denn man geht im Training jeden Tag an die eigenen Grenzen – wenn nicht darüber hinaus. Man lernt den Körper extrem gut kennen und die Kontrolle über ihn zu haben, ist sehr wichtig. Man muss sehr viel Energie ins Turnen reinstecken und die Gesundheit muss auch mitspielen. Aber das Wichtigste für mich war immer, die Freude am Sport zu behalten. Wenn sie fehlt, wird es extrem schwer und man würde nicht fünf Stunden am Tag in der Sporthalle stehen.

 

- Wie setzt sich das Training im Kunstturnen zusammen und welche Elemente beinhaltet es?

 

Einen wichtigen Teil nimmt das Krafttraining ein, um die Gelenke zu schützen. Am Barren zum Beispiel muss man sein Gewicht halten können und bei Sprüngen landet man teilweise mit grosser Wucht auf dem Boden. Für gymnastische Sprünge ist das Training der Feinmotorik und Beweglichkeit wichtig, damit man die Figuren elegant ausführen kann.

- Welche «Zutaten» brauchte es, damit du bei einem Wettkampf deine beste Leistung zeigen konntest?

 

Ich musste mich vor allem fit fühlen und meine Energie spüren. Dazu haben wir die Trainings so geplant, dass ich am Wettkampftag körperlich auf dem Höhepunkt war. Auch den mentalen Bereich fand ich immer sehr wichtig. Turnen ist ein Kopfsport: Man hat die Übungen verinnerlicht, der Körper weiss, wie es geht. Vieles hängt nur vom Mentalen ab. Diesen Aspekt darf man deshalb nicht vernachlässigen.

 

- Welche Rolle spielt die mentale Stärke genau? Hast du sie trainiert?

 

Ganz am Anfang war ich vor einem Grossanlass schon eine Woche vorher extrem nervös und konnte nicht mehr abschalten. Mit einem Mental-Trainer lernte ich, mit dem Druck umzugehen, damit ich nicht allzu nervös in einen Wettkampf gehen musste. Die Mental-Übungen praktizierte ich jeden Tag. So konnte ich herunterfahren und mich erholen.

 

- Im Gegensatz zu Ausdauer- oder Mannschaftssport werden bei einem Kunstturn-Wettbewerb keine Fehler verziehen, denn du kannst sie nicht mehr korrigieren. Wie fokussierst du dich auf diesen einen Sprung?

 

Ich hatte bei jedem Sprung einen Tunnelblick und konnte alles rundum ausblenden. So waren nur noch ich und das Turngerät da. Am Wettkampftag konnte ich so schneller den Fokus finden. Fehler passieren schlussendlich immer, das ist ja menschlich. Aber solange der Wettkampf nicht beendet ist, darf man sich nicht zu fest von begangenen Fehlern beeinflussen lassen.

 

- Welches sind deine Paradedisziplinen und welche hast du am liebsten geturnt?

 

Sprung und Boden waren meine Paradedisziplinen. Am liebsten machte ich Boden, da für mich diese Disziplin das Kunstturnen bei uns Frauen verkörpert. Es beinhaltet alles: Akrobatik, gymnastische Sprünge und Tanz. Das ist für mich Turnen, weshalb ich es sehr, sehr gerne machte.

 

- Für die Weltöffentlichkeit war dein grösster Erfolg die Bronzemedaille an den Olympischen Spielen in Rio 2016. Welches sind deine persönlichen grössten Erfolge?

 

Diese Medaille gehört sicher dazu. Für mich war aber das ganze Jahr 2016 sehr speziell, da ich an der Heim-EM in Bern zwei Goldmedaillen gewinnen konnte. Wunderschön war auch, als ich im Jahr 2015 Gold im Mehrkampf an den Europameisterschaften holte. Diese Momente werde ich sicher nie vergessen.

 

- Du hattest in deiner Karriere einige Rückschläge und Verletzungen. Welche bereitete dir am meisten Mühe und wie bist du damit umgegangen?

 

Die schlimmste Verletzung war ein Kreuzbandriss, den ich an einem Wettkampf kurz vor der EM 2018 erlitt. Das hat mir schon den Boden unter den Füssen weggezogen. Es war schwierig, aber ich hatte mit den Olympischen Spielen in Tokio ein Ziel vor den Augen. Dort wollte ich unbedingt turnen. Nach einer Operation begann ich schnell wieder mit dem Mental-Training. Wichtig war für mich auch, jeden Tag ein bis zwei Stunden in der Turnhalle sein zu können – einfach fürs Feeling.

 


- Nach deinem Kreuzbandriss war die Olympiade in Tokio dein grosses Ziel. Was wirst du vom Wettbewerb diesen Sommer besonders in Erinnerung behalten?

 

Es waren sehr spezielle Spiele. Ich hatte keine optimale Vorbereitung, weshalb es nicht mein bester Wettkampf war. Unter den gegebenen Umständen kann ich trotzdem stolz sein, an den dritten Olympischen Spielen teilgenommen zu haben. Was mir sicher in Erinnerung bleiben wird, ist ein solcher Grossanlass ohne Publikum. Das machte mich schon ein bisschen traurig. Es ging aber allen gleich und ich spürte dadurch einen grossen Zusammenhalt zwischen Athletinnen und Athleten aller Nationen. Das war ein tolles Gefühl.

 

- Du hast im September 2021 deinen Rücktritt vom Spitzensport kommuniziert. Wie wird die neue Ära von Giulia Steingruber nach dem Spitzensport aussehen?

 

Ich arbeite ab jetzt bis Ende Jahr als Co-Trainerin des Nationalkaders der Frauen im Kunstturnen mit zwei amerikanischen Trainern zusammen. Ich möchte danach im Bereich Marketing arbeiten und sicher auch Zeit in der Turnhalle verbringen, aber nicht in einem Vollzeitpensum.

 

- Was wirst du nach deiner Karriere am Spitzensport am meisten vermissen? Und was am wenigsten?

 

Am meisten vermissen werde ich die Adrenalinschübe und die Zusammentreffen mit Freunden aus der ganzen Welt. Auch die Leute hier in Magglingen im Leistungszentrum werde ich vermissen, wenn ich dann nicht mehr so oft hier sein werde. Über die Jahre habe ich doch einige enge Freundschaften geschlossen. Was ich am wenigsten vermissen werden... Das kann ich jetzt noch gar nicht sagen (lacht).

 

- Wenn Kunstturnen ein Auto wäre - was für ein Auto wäre es?

 

Ich kann mir für diesen Vergleich den Opel Insignia Grand Sport gut vorstellen. Dieses Modell ist sportlich, aber eben auch sehr elegant und graziös. Und das ist Kunstturnen auch.

Giulia, du hast in deiner Karriere Unglaubliches erreicht. Wie und in welchem Alter bist du zum Kunstturnen gekommen und was hat dich als junges Mädchen daran gereizt?

Zum Kunstturnen bin ich mit knapp sieben Jahren gekommen. Ich war vorher im Geräteturnen und fühlte mich dort ein bisschen unterfordert. Meine Freundin von nebenan war schon im Kunstturnen und übte im Garten immer ihre Kunststücke, die ich auch unbedingt meistern wollte. Ich ging mit ihr ins Training und trainierte gleich die vollen drei Stunden. Es machte mir sehr viel Spass, aber mit sieben Jahren ist man schon fast zu alt, um mit Kunstturnen zu beginnen. Meine Mutter musste beim Verein fast schon betteln, damit ich aufgenommen werde. Aber mehr weil sie wollte, dass ich am Abend mal müde bin (lacht). Was mich als Kind am Kunstturnen faszinierte, waren vor allem die Glitzerkleidchen der Turnerinnen (lacht noch mehr).

Worauf kommt es beim Kunstturnen besonders an, um eine aussergewöhnliche Leistung zu erzielen?

Es bedeutet sehr viel Arbeit. Man braucht grosses Durchhaltevermögen, denn man geht im Training jeden Tag an die eigenen Grenzen – wenn nicht darüber hinaus. Man lernt den Körper extrem gut kennen und die Kontrolle über ihn zu haben, ist sehr wichtig. Man muss sehr viel Energie ins Turnen reinstecken und die Gesundheit muss auch mitspielen. Aber das Wichtigste für mich war immer, die Freude am Sport zu behalten. Wenn sie fehlt, wird es extrem schwer und man würde nicht fünf Stunden am Tag in der Sporthalle stehen.

Wie setzt sich das Training im Kunstturnen zusammen und welche Elemente beinhaltet es?

Einen wichtigen Teil nimmt das Krafttraining ein, um die Gelenke zu schützen. Am Barren zum Beispiel muss man sein Gewicht halten können und bei Sprüngen landet man teilweise mit grosser Wucht auf dem Boden. Für gymnastische Sprünge ist das Training der Feinmotorik und Beweglichkeit wichtig, damit man die Figuren elegant ausführen kann.

Welche «Zutaten» brauchte es, damit du bei einem Wettkampf deine beste Leistung zeigen konntest?

Ich musste mich vor allem fit fühlen und meine Energie spüren. Dazu haben wir die Trainings so geplant, dass ich am Wettkampftag körperlich auf dem Höhepunkt war. Auch den mentalen Bereich fand ich immer sehr wichtig. Turnen ist ein Kopfsport: Man hat die Übungen verinnerlicht, der Körper weiss, wie es geht. Vieles hängt nur vom Mentalen ab. Diesen Aspekt darf man deshalb nicht vernachlässigen.

Welche Rolle spielt die mentale Stärke genau? Hast du sie trainiert?

Ganz am Anfang war ich vor einem Grossanlass schon eine Woche vorher extrem nervös und konnte nicht mehr abschalten. Mit einem Mental-Trainer lernte ich, mit dem Druck umzugehen, damit ich nicht allzu nervös in einen Wettkampf gehen musste. Die Mental-Übungen praktizierte ich jeden Tag. So konnte ich herunterfahren und mich erholen.

Im Gegensatz zu Ausdauer- oder Mannschaftssport werden bei einem Kunstturn-Wettbewerb keine Fehler verziehen, denn du kannst sie nicht mehr korrigieren. Wie fokussierst du dich auf diesen einen Sprung?

Ich hatte bei jedem Sprung einen Tunnelblick und konnte alles rundum ausblenden. So waren nur noch ich und das Turngerät da. Am Wettkampftag konnte ich so schneller den Fokus finden. Fehler passieren schlussendlich immer, das ist ja menschlich. Aber solange der Wettkampf nicht beendet ist, darf man sich nicht zu fest von begangenen Fehlern beeinflussen lassen. 

Welches sind deine Paradedisziplinen und welche hast du am liebsten geturnt?

Sprung und Boden waren meine Paradedisziplinen. Am liebsten machte ich Boden, da für mich diese Disziplin das Kunstturnen bei uns Frauen verkörpert. Es beinhaltet alles: Akrobatik, gymnastische Sprünge und Tanz. Das ist für mich Turnen, weshalb ich es sehr, sehr gerne machte.

Für die Weltöffentlichkeit war dein grösster Erfolg die Bronzemedaille an den Olympischen Spielen in Rio 2016. Welches sind deine persönlichen grössten Erfolge?

Diese Medaille gehört sicher dazu. Für mich war aber das ganze Jahr 2016 sehr speziell, da ich an der Heim-EM in Bern zwei Goldmedaillen gewinnen konnte. Wunderschön war auch, als ich im Jahr 2015 Gold im Mehrkampf an den Europameisterschaften holte. Diese Momente werde ich sicher nie vergessen.

Du hattest in deiner Karriere einige Rückschläge und Verletzungen. Welche bereitete dir am meisten Mühe und wie bist du damit umgegangen?

Die schlimmste Verletzung war ein Kreuzbandriss, den ich an einem Wettkampf kurz vor der EM 2018 erlitt. Das hat mir schon den Boden unter den Füssen weggezogen. Es war schwierig, aber ich hatte mit den Olympischen Spielen in Tokio ein Ziel vor den Augen. Dort wollte ich unbedingt turnen. Nach einer Operation begann ich schnell wieder mit dem Mental-Training. Wichtig war für mich auch, jeden Tag ein bis zwei Stunden in der Turnhalle sein zu können – einfach fürs Feeling.

Nach deinem Kreuzbandriss war die Olympiade in Tokio dein grosses Ziel. Was wirst du vom Wettbewerb diesen Sommer besonders in Erinnerung behalten?

Es waren sehr spezielle Spiele. Ich hatte keine optimale Vorbereitung, weshalb es nicht mein bester Wettkampf war. Unter den gegebenen Umständen kann ich trotzdem stolz sein, an den dritten Olympischen Spielen teilgenommen zu haben. Was mir sicher in Erinnerung bleiben wird, ist ein solcher Grossanlass ohne Publikum. Das machte mich schon ein bisschen traurig. Es ging aber allen gleich und ich spürte dadurch einen grossen Zusammenhalt zwischen Athletinnen und Athleten aller Nationen. Das war ein tolles Gefühl.

Du hast im September 2021 deinen Rücktritt vom Spitzensport kommuniziert. Wie wird die neue Ära von Giulia Steingruber nach dem Spitzensport aussehen?

Ich arbeite ab jetzt bis Ende Jahr als Co-Trainerin des Nationalkaders der Frauen im Kunstturnen mit zwei amerikanischen Trainern zusammen. Ich möchte danach im Bereich Marketing arbeiten und sicher auch Zeit in der Turnhalle verbringen, aber nicht in einem Vollzeitpensum.

Was wirst du nach deiner Karriere am Spitzensport am meisten vermissen? Und was am wenigsten?

Am meisten vermissen werde ich die Adrenalinschübe und die Zusammentreffen mit Freunden aus der ganzen Welt. Auch die Leute hier in Magglingen im Leistungszentrum werde ich vermissen, wenn ich dann nicht mehr so oft hier sein werde. Über die Jahre habe ich doch einige enge Freundschaften geschlossen. Was ich am wenigsten vermissen werden... Das kann ich jetzt noch gar nicht sagen (lacht).

Wenn Kunstturnen ein Auto wäre - was für ein Auto wäre es?

Ich kann mir für diesen Vergleich den Opel Insignia Grand Sport gut vorstellen. Dieses Modell ist sportlich, aber eben auch sehr elegant und graziös. Und das ist Kunstturnen auch.